Dieser Artikel erklärt, warum Paare oft mehr streiten, sobald das Kind da ist und warum das kein Zeichen von Beziehungsversagen ist. Du erfährst außerdem, welche Rolle Schlafmangel, Mental Load und unterschiedliche Stressmuster dabei spielen.
Warum Eltern anders und mehr streiten
Elternschaft ist einer der größten Umbrüche unseres Lebens. Vater oder Mutter zu werden ist zutiefst bereichernd. Manchmal bringt dieses Ereignis aber auch den sprichwörtlichen Boden unter den Füßen zum Wanken. Meistens trifft beides gleichzeitig zu.
Mit Familienzuwachs zieht Veränderung ein und jede Veränderung bewirkt in uns eine Stressreaktion. Das ist weder gut noch schlecht, sondern zunächst einmal völlig natürlich: Unser „innerer Autopilot“ kann die gewohnte Flugroute nicht weiterfliegen, wenn sich das Ziel plötzlich und so stark verschiebt. Die Stressreaktion ist also nichts anderes als eine Art Aktivierung, die sagt: Der Autopilot muss weichen, denn die alten Routinen funktionieren nicht mehr. Der Alltag muss neu strukturiert werden. Und das geht nur mit bewussten Entscheidungen.
Alte Routinen funktionieren nicht mehr – Neue Routinen sind noch nicht da
Dabei ist es egal, ob gerade das erste, zweite oder dritte Kind geboren wird – die alte Routine funktioniert einfach nicht mehr wie zuvor. Unser Gehirn will aber Energie sparen und das geht am besten durch Routinen. So gerät unser System in ein Dilemma: Es wünscht sich dringend eine neue Ordnung, braucht dafür jedoch Zeit. Und als wäre das allein noch nicht genug bringt jede Person ihr ganz eigenes Muster mit, wie sie auf diesen Stress reagiert. Spoiler: Der eine macht mehr mit sich selber aus, der andere will mehr kommunizieren und gemeinsam gestalten. Aber dazu gleich mehr.
Vor diesem Hintergrund ist Streit im Familienalltag fast schon vorprogrammiert. Überraschen sollte uns daher weniger die Konflikthäufigkeit selbst, sondern vielmehr, wie oft Eltern es trotz all dem gut miteinander schaffen.
Jeder geht anders mit dem Stress um
Jede*r von uns tickt anders. Unsere einzigartigen Lebenserfahrungen bestimmen, wie wir auf Stress reagieren. Es ist daher wenig hilfreich, sich gegenseitig die jeweilige Stressreaktion zum Vorwurf zu machen. Was aber dennoch oft passiert. Das klingt dann meistens so: “Du machst einfach und redest kaum mit mir” vs. “Du willst immer über alles reden, das ist mir aber zu viel.”. Oder so ähnlich.
Viel sinnvoller ist es, sich selbst und die andere Person auf dem „Stressreaktions-Spektrum“ zu verorten. Oft bringt allein das Wissen, um die unterschiedlichen Stressreaktionsmuster schon sehr viel Entlastung. Weil man das Verhalten des Anderen dann nicht mehr persönlich nehmen muss.
Das Spektrum der möglichen Stressreaktionen
Da wir Menschen alle Unikate sind, ergibt es wenig Sinn uns in Schubladen zu packen. Gleichzeitig sehe ich oft die Erleichterung auf den Gesichtern meiner Klient*innen, wenn sie in der Paarberatung erfahren, dass sie beide ganz richtig sind, wie sie sind. Sie sind einfach nur unterschiedlich und die Unterschiede knallen aneinander.
Damit wir die besagten Schubladen elegant umgehen, sprechen wir lieber von einem Spektrum. Auf der einen Seite des Spektrums sind Menschen, die Vieles gerne mit sich selbst ausmachen und weniger darüber sprechen, was in ihnen vorgeht. Sie fahren oft gut mit dieser Strategie und funktionieren im Alltag einfach, so gut es eben geht. Gleichzeitig kann die fehlende Kommunikation über die eigenen Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse dazu führen, dass man selbst, aber auch die Beziehungsperson sich irgendwann ziemlich einsam vorkommt und die Nähe fehlt. Auf der anderen Seite des Spektrums sind Menschen, die am liebsten jede wichtigere Entscheidung besprechen wollen. Sie stellen Verbindung über verbale Kommunikation her und pflegen damit den engen Austausch mit ihrer Beziehungsperson. Wenn sie diese Verbindung jedoch nicht im gewünschten Maße von ihrer Partnerin oder ihrem Partner bekommen, leiden sie oft so sehr, dass es ihnen schwer fällt den Alltag zu bewältigen. Die meisten Menschen bewegen sich irgendwo zwischen diesen beiden Extremen mit einer Tendenz zu einem Pol.
Oft wird dieser Unterschied gerade in der ersten, anstrengenden Zeit mit Baby und/oder Kleinkind zum zentralen Reibungspunkt. Daraus können sich auch richtige Konfliktspiralen entwickeln, die beide in die Verzweiflung treiben können. Spätestens dann ist es sinnvoll eine Paartherapie oder Paarberatung aufzusuchen, denn meistens kann hier effektiv geholfen werden.
Die Folgen von Schlafmangel, Mental Load und Wäschehaufen für die Beziehung
Gerade die ersten Jahre mit Kind bringen einen Ausnahmezustand mit sich: Routinen werden über den Haufen geworfen, der Schlafmangel zerrt an den Nerven und plötzlich stapeln sich Aufgaben (und Wäscheberge), während die Welt draußen scheinbar normal weiterläuft. Klassische Ruhephasen fehlen, viele Gespräche finden zwischen Tür und Angel statt, während die Kinder im Hintergrund rufen oder Begleitung brauchen.
Stand-by statt Ruhe
All dies führt zu einer konstanten Grundanspannung. Der Körper und Geist sind selten im regenerativen Ruhemodus, sondern eher auf Stand-by, jederzeit bereit für das nächste Problem. Schlafdefizit, hormonelle Veränderungen und das berühmte „Mental Load“ machen die Sache nicht leichter.
Hirnphysiologisch betrachtet blockiert dauerhafte Aktivierung ausgerechnet den für kreative Lösungsideen zuständigen Teil des Gehirns. Die Folge: Wir verlieren an „Reaktionsflexibilität“ (Dr. Sharon Brehm): Plötzlich gibt es in Konflikt- und Stresssituationen für beide Beteiligten nur noch “die eine” Lösung. Dadurch entsteht bei mindestens einer Person das Gefühl, keine echte Wahl mehr zu haben. Mittel- und langfristig bleibt auch das Erleben zurück, dass Vieles nicht “richtig” geklärt wird.
Unter Stress führen auch Kleinigkeiten schneller zum Streit
Im meist durchgetakteten Eltern-Alltag reicht dann schon ein ungeschicktes Wort, ein genervter Blick oder eigentlich belangloser Satz („Kannst du mal eben…?“) aus, damit ein Streit passiert. Gestresste Eltern reagieren schneller und empfindlicher, interpretieren Kleinigkeiten negativer (dafür gibt es sogar einen Namen: NSO – Negative Sentiment Override), fühlen sich leichter angegriffen oder übersehen die Bedürfnisse des anderen. Besonders schwierig wird es, wenn – wie schon beschrieben – zwei unterschiedliche Stressmuster aufeinanderprallen: Während eine Person direkt klären will und die andere sich zurückzieht. Das Ergebnis davon: Das Gespräch bleibt stecken, die Konfliktdynamik schaukelt sich weiter hoch. Dadurch sammelt sich eine Art Grundbestand von Frust an, der beim nächsten Mal die Situation noch schneller eskalieren lässt.
Fazit: Mehr Streit ist ein Zeichen von Belastung, nicht von schlechter Beziehung
Mehr Streit im Familienalltag ist also kein Zeichen von Versagen oder nachlassender Liebe, sondern vor allem ein Spiegel dieser enormen Umstellung. Wenn Eltern häufiger streiten, liegt das selten am fehlenden Willen zur Harmonie, sondern an der zusätzlichen Belastung und den ganz alten, automatischen Stressprogrammen. Je mehr Verständnis wir für unsere Reaktionsmuster entwickeln – und die davon des Partners –, desto eher lassen sich eingefahrene Kreisläufe unterbrechen und echte Nähe (wieder)finden. Das Wissen darum, dass es sich hierbei um eine vorübergehende Phase handelt und es vielen anderen Eltern ähnlich geht, hilft dabei, mitfühlend und mit weniger Selbstvorwurf auf das eigene Verhalten und das des anderen zu blicken.
FAQ
Ist mehr Streit nach der Geburt normal?
Ja. Die Geburt eines Kindes stellt den Alltag und die Rollenverteilung grundlegend um. Stress, Schlafmangel und erhöhte Verantwortung führen dazu, dass Konflikte schneller entstehen und intensiver erlebt werden. Das ist ein häufiger und normaler Anpassungsprozess.
Warum eskalieren Kleinigkeiten im Familienalltag so schnell?
Dauerhafte Aktivierung versetzt das Nervensystem in einen Alarmzustand. In diesem Zustand sinkt die Fähigkeit, flexibel und gelassen zu reagieren. Dadurch werden neutrale oder harmlose Situationen schneller als Angriff wahrgenommen.
Welche Rolle spielt Mental Load in Partnerschaften mit Kindern?
Mental Load beschreibt die mentale Organisationsarbeit im Familienalltag. Wenn diese Aufgaben ungleich verteilt sind, entsteht oft Frust und Überforderung. Diese Belastung zeigt sich häufig in wiederkehrenden Konflikten.
Warum zieht sich ein Partner im Streit zurück, während der andere klären will?
Menschen reagieren unterschiedlich auf Stress. Während manche Nähe und Klärung suchen, reagieren andere mit Rückzug, um sich zu schützen. Treffen diese Muster aufeinander, verstärken sie häufig die Konfliktdynamik. Verschärft sich diese Dynamik immer mehr, sollte eine Paartherapie oder Paarberatung aufgesucht werden.
Bedeutet häufiger Streit, dass die Beziehung kaputt geht?
Nicht zwangsläufig. Häufiger Streit ist in diesem Kontext (Geburt eines Kindes, Familienalltag mit Kleinkind oder mehreren Kindern) ein Ausdruck von Belastung und punktueller Überforderung, nicht von fehlender Liebe. Entscheidend ist, ob es Paaren gelingt, diese Muster zu erkennen und zu unterbrechen.