In diesem Artikel erfährst du, welchen Einfluss ADHS auf eine Beziehung haben kann und bekommst hilfreiche Tipps für den Umgang mit den typischen Missverständnissen.
Ich hab es ihm / ihr doch gesagt…
Du hast zum dritten Mal diese Woche erwähnt, dass der Pfand weggebracht werden muss. Dein Partner / deine Partnerin nickt, verspricht es zu erledigen, wirkt verständnisvoll. Eine Woche später stehen die Flaschen immer noch unter der Spüle. Vielleicht fühlst du dich nicht ernst genommen, vielleicht denkst du, deine Bedürfnisse wären ihm / ihr egal. Sie oder er müsste sich nur mal mehr anstrengen, besser zuhören. Das kann doch nicht so schwer sein!
Oder aus der anderen Perspektive: Du hattest dir wirklich vorgenommen, den Pfand wegzubringen und wolltest es auf keinen Fall vergessen. Aber irgendwie ist es trotzdem passiert: Du sitzt wieder da, deine Beziehungsperson ist enttäuscht, macht dir Vorwürfe. Du rechtfertigst dich, was die Situation nur noch verschärft. Deine Erklärungen entspannen die Lage kaum. Du fühlst dich kritisiert – egal wie sehr du dich auch anstrengst, es reicht einfach nicht aus.
Wenn einer von euch ADHS hat, kennt ihr diese Szenen vermutlich zur Genüge. Das Fatale daran: Der / die neurotypische Partner:in fühlt sich zunehmend ignoriert und frustriert. Die Person mit ADHS fühlt sich missverstanden und ungerecht beurteilt. Dabei meinen es beide eigentlich gut miteinander, beiden ist die Beziehung wichtig. Aber irgendwie landen sie dennoch immer wieder in einem zermürbenden Kreislauf, der beide zunehmend erschöpft und an der Beziehung zweifeln lässt.
In meiner Arbeit als Paartherapeutin begegne ich häufig Paaren, bei denen eine oder beide Personen von ADHS betroffen sind. Die Diagnose ist gestellt, oft wird bereits psychotherapeutisch daran gearbeitet. Die Beziehung steht dennoch unter Spannung. Warum ist das so? Weil das Wissen um ADHS allein noch nicht bedeutet, dass beide verstehen, wie sehr und wie genau die neurologischen Unterschiede den Beziehungsalltag beeinflussen. Es kann sich also lohnen hier genauer hinzuschauen und zu verstehen, was eigentlich passiert.
Die gute Absicht und die verletzende Wirkung
ADHS ist keine Ausrede und soll auch keine werden. Vielmehr handelt es sich um eine neurobiologische Besonderheit, die sich direkt auf das Verhalten auswirkt. Das Problem in Beziehungen entsteht meist durch die Differenz zwischen der, in der Regel guten, Absicht der Person mit ADHS und der, häufig negativen, Interpretation der neurotypischen Beziehungsperson.
Ich höre häufig von der neurotypischen Beziehungsperson Sätze wie “Ich sage ihm / ihr doch ganz genau, was ich brauche und er / sie macht es einfach trotzdem nicht. Da kann ich doch nichts anderes denken, als dass meine Bedürfnisse ihm / ihr egal sind!”. Wenn man bedenkt, dass die neurotypische Beziehungsperson möglicherweise bereits jahrelang wiederholt darum gebeten hat, dass eine bestimmte Verhaltensweise unterlassen wird, dann erscheint diese Interpretation tatsächlich sehr naheliegend und ist absolut verständlich. Vielleicht ist es wirklich Desinteresse, Egoismus, mangelnde Liebe. Es ist insofern kein Wunder, dass viele Paare, die von ADHS betroffen sind, sich genau aus diesen Gründen trennen.
Das ist schade, denn häufig liegt die Ursache woanders begraben: Und zwar in der Art und Weise, wie das ADHS-Gehirn Informationen verarbeitet, speichert und abruft. Ein Blick auf die Funktionsweise kann sich also lohnen. Im folgenden Abschnitt erfährst du daher, was die fünf häufigsten Missverständnisse in solchen Beziehungen sind und woran sie liegen können.
Die fünf häufigsten Missverständnisse in Beziehungen mit ADHS
Was für den neurotypischen Partner wie mangelnde Rücksichtnahme oder fehlendes Engagement wirkt, hat oft eine neurologische Ursache:
Vergesslichkeit wird als Desinteresse interpretiert
Die von ADHS betroffene Beziehungsperson möchte unbedingt daran denken, nach der Arbeit Milch mitzubringen. Er oder sie nimmt sich vor, eine Notiz zu schreiben. Doch die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses ist bei ADHS neurobiologisch beeinträchtigt, d.h. zum Beispiel, dass was nicht direkt vor Augen ist, oft komplett aus dem Bewusstsein verschwindet. Sie oder er kommt ohne Milch nach Hause. Die Beziehungsperson denkt oft: “Wenn ich ihr / ihm wichtig wäre, würde sie / er sich mehr anstrengen.” Die von ADHS betroffene Person denkt möglicherweise: “Ich versuche es doch, aber er / sie sieht meine Anstrengung überhaupt nicht.”
In Wirklichkeit unternimmt die von ADHS betroffene Beziehungsperson oft große Anstrengungen, sich Dinge zu merken. Trotzdem werden Bitten oder Aufgaben schlichtweg vergessen. Die neurotypische Beziehungsperson deutet dies als mangelnde Wertschätzung oder gar Respektlosigkeit. Tatsächlich ist nicht die fehlende Zuneigung das Problem, sondern die eingeschränkte Funktionsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses.
Ablenkbarkeit wird als Missachtung gewertet
Beim gemeinsamen Abendessen schweift der Blick ab, das Handy wird gezückt. Die Beziehungsperson fühlt sich daraufhin ignoriert und unwichtig: “Das Handy ist interessanter als ich. Was ich zu sagen habe, scheint ihr / ihm egal zu sein.” Es fühlt sich an wie emotionale Vernachlässigung, wie bewusste Missachtung. Dabei sucht das ADHS-Gehirn oft unbewusst nach Stimulation oder nutzt Übergänge, um zwischen Aufgaben zu wechseln. Es hat meist nichts mit der Zuneigung zum Partner zu tun, sondern mit der Schwierigkeit, konkurrierende Reize zu filtern.
Impulsivität wird als Respektlosigkeit erlebt
Viele Menschen mit ADHS haben schon in der Kindheit die Ermahnung “Erst denken, dann sprechen.” unzählige Male gehört. In der Tat sprechen Menschen mit ADHS Gedanken oft vorschnell aus, unterbrechen das Gegenüber und wählen nicht selten mitunter unbedachte Worte. Für den neurotypischen Part kann das grob oder egozentrisch wirken: “Warum kann er / sie nicht einfach mal nachdenken, bevor er / sie den Mund aufmacht?” Es fühlt sich an wie mangelnder Respekt oder fehlendes Feingefühl.
Dabei liegt hier eine neurobiologische Beeinträchtigung der Impulskontrolle vor – die exekutiven Funktionen, die normalerweise als „Bremsen” wirken, funktionieren bei ADHS anders. Der von ADHS betroffene Part bereut solche Ausbrüche oft schnell, fühlt sich aber auch missverstanden, da keine Verletzungsabsicht bestand.
Unpünktlichkeit wird auf fehlende Verlässlichkeit zurückgeführt
Menschen mit ADHS unterschätzen oft drastisch, wie viel Zeit Aufgaben benötigen. Sie haben den optimistischen Plan, noch „schnell” etwas zu erledigen, bevor sie losmüssen. Der wartende Partner empfindet dies häufig als Zeichen von Respektlosigkeit: “Meine Zeit ist ihm /ihr offenbar nichts wert. Wenn er /sie sich anstrengen würde, könnte er /sie pünktlich sein.” Tatsächlich liegt hier eine neurobiologische Besonderheit vor, die als „Zeitblindheit” bezeichnet wird – die Fähigkeit, Zeiträume realistisch einzuschätzen, ist beeinträchtigt. Die von ADHS betroffene Person ist oft selbst gestresst und frustriert über das eigene „Versagen”.
Unordnung wird als Ergebnis grundlegender Faulheit gesehen
Für das ADHS-Gehirn dient die scheinbare Unordnung oft als Gedächtnisstütze. Wenn Dinge weggeräumt werden, verschwinden sie aus dem Bewusstsein. Der Partner / die Partnerin aber sieht das Chaos und denkt: “Er /sie ist einfach faul. Er /sie könnte aufräumen, wenn er /sie wollte. Aber er / sie strengt sich mal wieder nicht an.” Was wie die Weigerung aussieht, Verantwortung zu übernehmen, ist für die von ADHS betroffene Person oft eine Kompensationsstrategie.
Konkrete Strategien für den Alltag in einer Beziehung mit ADHS
Die gute Nachricht: Es gibt konkrete Ansätze, die helfen können, diese Dynamiken zu durchbrechen. Aber abstrakte Vorsätze wie „mehr Wertschätzung zeigen” funktionieren für das ADHS-Gehirn oft nicht. Nachfolgend stelle ich euch einige mögliche Strategien vor:
Aufschreiben, Aufschreiben, Aufschreiben
So absurd es klingen mag: Schreibt nicht nur Einkauflisten, sondern auch Listen für das Verhalten in eurer Beziehung. Die US-amerikanische Psychologin und Psychotherapeutin Anita Robertson empfiehlt in ihrem Buch eine Liste mit dem Titel “Liebestank” zu schreiben. Diese Liste enthält ganz konkrete Handlungen, die dem neurotypischen Partner gut tun. Je konkreter, desto besser. Scheut euch nicht, auch vermeintlich “Selbstverständliches”, wie z.B. “Nach dem Essen Danke sagen”, aufzuschreiben, wenn es etwas ist, was für die Person wichtig ist und einen spürbaren Unterschied machen würde.
Nutzt “Pairing” gegen das ständige Vergessen
Pairing beschreibt das bewusste Verknüpfen von Dingen, die sowieso getan werden, mit dem gewünschten Verhalten. Hilfreich ist dabei etwas Visuelles mit einer sehr konkreten Handlung zu verbinden.
Zum Beispiel: Wenn du nach Hause kommst und den Schlüssel in die Hand nimmst, um die Tür aufzuschließen, nutze diesen Moment als Erinnerung: “Gleich sehe ich sie/ihn.” Sobald die Tür aufgeht, gehst du direkt zu deinem Partner / deiner Partnerin (nicht erst die Jacke ausziehen, nicht erst das Handy checken). Blickkontakt herstellen, eine kurze Umarmung oder ein einfaches “Hey, schön dich zu sehen” reichen aus. Der Schlüssel ist visuell eindeutig und wird jeden Tag benutzt. Die Handlung des Aufschließens wird so zum automatischen Auslöser für eine bewusste Begrüßung.
Achtet sehr bewusst auf ein gutes Verhältnis von Wertschätzung und Kritik
Für das ADHS-Gehirn sind Lob oder wertschätzende Worte weit mehr als nur ein nice-to-have. Es liefert den Dopamin-Schub, den das Gehirn benötigt, um motiviert zu bleiben. Ein neurotypisches Gehirn empfindet oft schon das Erledigen einer Aufgabe als Belohnung. Das ADHS-Gehirn benötigt jedoch oft externe Bestätigung. Feiert auch kleine Erfolge und alltägliche Erledigungen.
Erlaube deiner neurotypischen Beziehungsperson dich an Dinge zu erinnern
Vergesslichkeit gehört zu den häufigsten und zugleich belastendsten Symptomen von ADHS. Sie betrifft nicht nur den Alltag der betroffenen Person, sondern wirkt sich oft auch auf Partnerschaft und Familie aus. Wenn etwa bei einem gemeinsamen Ausflug der Proviant oder das Wasser zu Hause bleibt, entsteht schnell Frust, nicht selten verbunden mit dem Gefühl, sich auf den anderen nicht verlassen zu können.
In meiner Praxis berichten Betroffene häufig, dass das wiederholte Erinnern durch die Partnerin oder den Partner als bevormundend oder als Mangel an Augenhöhe erlebt wird. Auf der anderen Seite möchte die Beziehungsperson verständlicherweise nicht weiter die Nachteile des Vergessens in Kauf nehmen.
Hilfreich kann es sein, wenn der von ADHS betroffene Part das Erinnern nicht länger als Zeichen fehlender Augenhöhe interpretiert, sondern als Ausdruck einer sinnvollen und fairen Aufgabenverteilung. Wer sich leichter fokussieren und strukturieren kann, darf diese Stärke in die Beziehung einbringen, genausso wie der andere vielleicht Kreativität, Spontaneität oder besondere Problemlösungskompetenz beisteuert. Wird das Erinnern nicht mehr als Kritik, sondern als Unterstützung verstanden, entsteht Kooperation anstelle von Kränkung. So kann aus einem potenziellen Konflikt ein gemeinsames System werden, das beide entlastet.
Fazit: Neurodiversität als Entwicklungsauftrag an die Beziehung
ADHS in einer Partnerschaft heißt nicht, dass eure Beziehung zum Scheitern verurteilt ist. Es heißt vor allem, dass ihr euren eigenen Weg finden müsst. Vielleicht braucht ihr andere Absprachen, mehr Struktur oder bewusstere Planung als andere Paare. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, eure Unterschiede nicht als Fehler zu sehen, sondern als Teil eurer jeweiligen Persönlichkeit. Mit diesen Unterschieden könnt ihr umgehen lernen und daran sogar wachsen.
Die neurotypische Beziehungsperson darf sich immer wieder bewusst machen, dass die oben beschriebenen typischen ADHS-Verhaltensweisen nichts über die Liebe oder Wertschätzung aussagen. Und die von ADHS betroffene Person darf lernen zu verstehen, dass der Frust der anderen Beziehungsperson in der Regel nicht als Kritik gemeint ist, sondern es einfach Kraft kostet, wenn Dinge immer wieder schiefgehen. Das anzuerkennen schafft Entlastung auf beiden Seiten.
Am Ende geht es darum, gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die zu euch passen. Klare Strukturen, Hilfssysteme und Erinnerungszettel sind kein Zeichen von Schwäche, sondern davon, dass ihr die Realität anerkennt, so wie sie ist und das Beste daraus macht. Viele Paare schaffen es mit Unterstützung, aus festgefahrenen Mustern auszusteigen und eine Beziehung zu gestalten, in der sich beide wohlfühlen. Das braucht Geduld, Ehrlichkeit mit sich und der Beziehungsperson sowie den Willen, die Beziehung zu erhalten. Dann ist eine innige, stabile und von gegenseitigem Verständnis getragene Beziehung möglich.